Leinen los: Die Jungfernfahrt durch Friesland
Nun war er also da, der Tag, an dem meine erste Reise mit meinem künftigen Schiff Fahr away losging. Es wäre untertrieben zu behaupten, ich sei nicht aufgeregt gewesen.
Nach der langen Fahrt aus der Schweiz galt es erst einmal, das unzählige Material zu verstauen, das ich mir in den letzten Monaten zugelegt hatte – möglichst so, dass man es später auch wiederfindet. Ein Unterfangen, das sich in den Folgetagen als gar nicht so trivial herausstellen sollte! Zum Glück war für diese „technische Jungfernfahrt“ meine Frau an Bord, die mich bei allen Vorbereitungen tatkräftig unterstützte. Eine unschätzbare Hilfe.
Nach einer kurzen Einweisung durch den Importeur in den Niederlanden stand auch schon die erste Reifeprüfung an: das Auslaufen und das allererste Hafenmanöver. Und wie sollte es anders sein? Natürlich regnete es in Strömen und der Wind blies kräftig – wahrlich unbarmherzige Bedingungen für Premiere-Kapitäne!
Und so kam es, wie es kommen musste: Anstelle der gewohnten 50 PS zu Hause im Heimathafen hatte ich plötzlich ganz andere Kräfteressourcen unter dem Rumpf. Ich gab etwas zu viel Gas, das Boot machte einen beherzten Satz und ich musste augenblicklich rückwärts korrigieren. Trotz des Schreckmoments blieb das Gelcoat heile – keine Schramme, keine Berührung! Ich schaffte es unbeschadet aus der Box auf das freie Flussgewässer.
Doch Zeit zum Durchatmen blieb kaum: Nach gefühlten 500 Metern wartete in Workum bereits die nächste Herausforderung in Form einer Schleuse samt Hebebrücke. Gott sei Dank erleichtern Bug- und Heckstrahlruder das Manövrieren in den engen Kanälen ungemein. Und dann wurde es richtig stilecht: Der Schleusenwärter reichte uns den typisch niederländischen Holzschuh (den „Klomp“) an einer Angel herunter, in den wir dankbar die 6 Euro Schleusengebühr einwarfen. Puh – das war viel Neues auf einmal, aber alles klappte wie am Schnürchen!
Brücke um Brücke passierten wir auf dieselbe Weise, bis die letzte meinte, geschlossen bleiben zu müssen. Logisch: In den Niederlanden ist Punkt 12:00 Uhr Mittagspause, da rührt sich bis 13:00 Uhr kein Brückenwärter. Perfekte Gelegenheit also, um auch gleich das Längsseits-Anlegen und Belegen zu üben.
Schafe, Grachten und Kulinarik
Nach der Mittagspause gings endlich raus aus Workum Richtung Sneek. Trotz des anhaltenden Regens hatte das Tuckern durch die flache Landschaft etwas herrlich Idyllisches. Wir staunten über die Wildgänse und die unzähligen Schafe, die vergnügt als lebendige Rasenmäher unterwegs waren. Am Nachmittag erreichten wir Sneek, machten fest und deckten uns erst einmal mit Proviant ein. Auch bei Schlechtwetter bewährte sich das Schiff als gemütliches, trockenes Zuhause.
Am nächsten Morgen ging es weiter nach Leeuwarden, wo wir direkt im stimmungsvollen Prinsentuin-Park seitlich anlegten – wunderschön gelegen und absolut zentral in der Altstadt. Leeuwarden überraschte mich durch seine Grösse. Wir genossen ein feines Nachtessen direkt an einer Gracht und blickten stolz auf das bereits Erreichte zurück.
Der Folgetag beschenkte uns mit Kaiserwetter auf dem Weg nach Dokkum. Eine traumhafte, tiefenentspannte Tagesetappe. Wieder steuerten wir das Boot mitten in die Altstadt. Dokkum erwies sich als absolutes Bijou: romantisch, historisch und von zwei majestätischen Windmühlen geprägt.
Über das Lauwersmeer bis ins pulsierende Groningen
Nach einer ruhigen Nacht stand die grosse Etappe über das Lauwersmeer via Zoutkamp nach Groningen an. Das Lauwersmeer präsentierte sich eindrücklich, aber tückisch. Bei schlechter Sicht lernte ich den grossen Raymarine Axiom Plotter auf dem Steuerstand erst so richtig zu schätzen – navigieren wie die Profis! Landschäftlich war das vermutlich die schönste Passage unserer Reise.
In Groningen machten wir in einem bestens ausgestatteten Yachthafen fest. Nun schlugen die Stunden unserer neuen Klappvelos: In nur 15 Minuten strampelten wir mitten ins Getümmel der Altstadt. Groningen wimmelt nur so von jungen Leuten und Studierenden – überall warten coole Cafés, hippe Läden und eine lebendige Gastronomie. Ein Highlight war der dreimal wöchentlich stattfindende Markt auf dem Hauptplatz. Ein Schälchen klassischer, goldbraun frittierter Kibbeling zum Lunch durfte da natürlich nicht fehlen – einfach köstlich! Auch kulturell hat Groningen extrem viel zu bieten, allen voran das futuristische Forum mit seiner grandiosen Rooftop-Aussicht.
Magischer Ausklang in der Natur
Am Tag darauf ging es über die „Wasser-Autobahn“ (Princes-Margriet-Kanal bzw. Van Starkenborghkanaal) in Richtung Grou. Dort steuerten wir eine der bekannten Marrekrite-Naturanlegestellen an. In absoluter Stille, umrahmt von einem fantastischen Sonnenuntergang, verbrachten wir die Nacht mitten in der Natur, ehe wir tags darauf bei mystischem Morgennebel den Bogen zurück zu unserem Ausgangshafen Workum schlugen.
Mein Fazit: Unzählige Eindrücke von Land, Leuten und Kultur – und vor allem die Gewissheit, Schritt für Schritt mein zukünftiges schwimmendes Zuhause besser kennengelernt zu haben. Wir sind wohlbehalten, sicher und ohne grosse Komplikationen wieder im Starthafen angekommen.
Der Unruhestand kann kommen – ich freue mich riesig auf die nächsten Etappen!





























